Namensbeitrag von VDA-Präsidentin Hildegard Müller

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben die Automobilmärkte weltweit einbrechen lassen und die Industrie – insbesondere auch in Europa und Deutschland – in die schwerste Krise seit Jahrzehnten gestürzt. Der Einbruch der Märkte ist seinem Ausmaß beispiellos.

Im ersten Halbjahr 2020 gingen die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland um knapp 35 Prozent auf 1,21 Mio. Pkw zurück. Das ist der niedrigste Wert für ein erstes Halbjahr in Deutschland seit der Wiedervereinigung vor 30 Jahren. Für das zweite Halbjahr deutet sich eine leichte Erholung an. Ein Zeichen dafür ist der Auftragseingang bei deutschen Herstellern, bei dem das Minus gegenüber dem Vergleichsmonat aus dem Vorjahr im Juni deutlich geringer war als noch im Mai.

Noch stärker werden die Nutzfahrzeugmärkte durch die Krise getroffen. Der weltweite Absatz von Nutzfahrzeugen mit einem zulässigen Gesamtgewicht von über 6 Tonnen wird nach VDA-Prognosen 2020 um 24 Prozent auf 2,6 Mio. Einheiten zurückgehen.

Der dramatische Einbruch der Nachfrage, der zeitweise Abriss der Lieferketten sowie die wochenlangen Produktionsstopps führten dazu, dass die Pkw-Produktion in Deutschland im ersten Halbjahr auf das niedrigste Niveau seit 45 Jahren gesunken ist. Von Januar bis Juni wurden an den deutschen Standorten knapp 1,5 Mio. Fahrzeuge hergestellt – das sind 40 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Die Ausbreitung des Virus’ scheint in Deutschland aktuell noch unter Kontrolle. Doch regionale Ausbrüche und die vermehrte Reisetätigkeit im Kontext der Sommerferien bergen enorme Gefahren. Wir dürfen jetzt nicht leichtsinnig werden. Eine „zweite Welle“ hätte neben der gesundheitlichen Gefahr auch enorme wirtschaftliche Folgen, die noch viel schwerer zu verkraften sein dürften. Unsere Bemühungen für den Gesundheitsschutz gehen daher unvermindert weiter.

Im Hinblick auf die Wirtschaft als Ganzes geht es nun vor allem darum, die industrielle Basis in Europa und Deutschland zu erhalten und Beschäftigung zu sichern. Für die Automobilindustrie kommt hinzu, dass sie ihre Transformation für neue Antriebe und die Digitalisierung weiter vorantreibt. Das sind enorme Herausforderungen, die gleichzeitig zu meistern sind.

Mit Investitionen in Höhe von allein 50 Mrd. Euro in neue Antriebe und weiteren 25 Mrd. Euro in die Digitalisierung bis zum Jahr 2024 investieren die VDA-Mitgliedsunternehmen erheblich in die Transformation. Die E-Modellpalette deutscher Marken wird von aktuell 70 auf mehr als 150 Modelle bis Ende 2023 mehr als verdoppelt.

Wir brauchen – auch mit Blick auf internationale Märkte, Wachstum und Beschäftigung – weiterhin einen intelligenten Mix an Angeboten: Vom batterie-elektrischen Auto bis hin zu emissionsarmen Fahrzeugen mit hochmodernem Benzin- und Dieselmotor. Insbesondere der Plug-in-Hybrid bietet hier enorme Chancen. Und zum Erreichen des großen Ziels der klimaneutralen Mobilität werden die Nutzung von Wasserstoff und E-Fuels an Bedeutung gewinnen. Insgesamt wird das Auto nach meiner Überzeugung auch in Zukunft elementarer Bestandteil einer klimaschonenden Mobilität sein. Die Anforderungen an die Verkehrsmittel unterscheiden sich – etwa zwischen Stadt und Land. Deshalb kommt es darauf an, die jeweils beste Lösung einzusetzen, die Lebenswirklichkeit der Menschen zu berücksichtigen und beim Weg in die Mobilität der Zukunft technologieoffen vorzugehen.

Das zweite Halbjahr 2020 ist sehr herausfordernd für unsere Industrie. Es geht um die Bewältigung der Corona-Krise, die Transformation hin zu Klimaschutz und Digitalisierung, um die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Branche und um die Zukunft der EU. Diese Krise trifft die Wirtschaft massiv, sie greift den industriellen Kern und damit die Basis von Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung an. Wir brauchen jede Unterstützung, um diese industrielle Basis zu stärken. Es gilt, die Konjunktur schnell und umfassend zu beleben, um so die Nachfrage zu stärken und unseren Unternehmen und deren Beschäftigten eine Perspektive zu geben.

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