8 Interview „Verantwortung übernehmen ist das Gebot der Stunde“ Fragen an Thomas Vollmar, Präsident des Gesamtverband Autoteile-Handel e. V. Der Gesamtverband Autoteile-Handel e. V. ist der Branchenverband des freien Kfz-Teile-Großhandels in Deutschland. Er vertritt Handelsunternehmen sowie Kfz-Teilehersteller und Anbieter technischer Informationen. OEM & Lieferant: Der massive Stellenabbau in der deutschen Automobilindustrie setzt sich fort. Zwar scheint die Elektrifizierung im Neuwagensegment Fahrt aufzunehmen, aber nicht nur Fahrzeughersteller, auch die Zuliefererindustrie baut zehntausende Stellen in Deutschland ab. Ihre Mitglieder rekrutieren sich aus Unternehmen des freien Kfz-Teilehandels, aber auch aus den Unternehmen der Kfz-Teilehersteller. Wie bewerten Sie als GVAPräsident die Lage der Automobilwirtschaft? Thomas Vollmar: Die desaströse gesamtwirtschaftliche Lage, in der sich Deutschland seit Jahren befindet, macht nicht vor Deutschlands Schlüsselindustrie halt – das ist sicher. Die Menschen sind durch die anhaltend schlechte Lage verunsichert und halten ihren Konsum zurück. Das trifft natürlich in erster Linie die Neuzulassungen. Eine Sache stört mich an der an sich sehr wichtigen Diskussion besonders, und zwar die Richtung. Das ist der Blick auf die Neuzulassungen als Indikator für das Wohlergehen der Automobilwirtschaft und den damit verengten Blick auf wenige große Fahrzeughersteller. Ich habe oft das Gefühl, dass die Gefährdungslage zehntausender Jobs bei einem Fahrzeughersteller viel mehr Beachtung findet, als der massive Verlust an Arbeitsplätzen im Mittelstand. Das führt zu falschen Schlussfolgerungen bei adäquaten wirtschaftspolitischen Gegenmaßnahmen. OEM & Lieferant: Was meinen Sie genau? Thomas Vollmar: Wir haben von Anfang an die Kaufprämie für batterieelektrische Fahrzeuge kritisiert. Nicht wegen der Technik, sondern weil diese Maßnahme den Steuerzahler viel Geld kostet und das Ziel, die deutsche Automobilindustrie zu unterstützen, nicht erreicht wird. In Zeiten, in denen der Staat massiv sparen muss und auch bei z. B. wichtigen familien- und sozialpolitischen Maßnahmen den Rotstift ansetzt, aber zeitgleich viel Geld in dysfunktionalen Maßnahmen versickert. Die größten Profiteure von der Förderung sitzen in den USA und China. Den deutschen Fahrzeugherstellern und ihren Partnern aus der Zuliefererindustrie hat diese Maßnahme nicht geholfen. Viel sinnvoller wäre es, die massiven strukturellen Probleme des Wirtschaftsstandortes Deutschland, wie viel zu hohe Energiekosten, lähmende Bürokratie und weiter steigende Abgaben für Millionen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, anzugehen. Das hätte den Vorteil, dass nicht nur wenige sehr große Konzerne, sondern alle Unternehmen, die in Deutschland Arbeitsplätze schaffen, entlastet würden. Ich sehe die Verantwortung bei der Bundesregierung. OEM & Lieferant: Stichwort Verantwortung – Ihre diesjährige Automotive Conference findet unter dem Leitthema „Verantwortung übernehmen“ statt. Können Sie das bitte genauer beschreiben? Thomas Vollmar: Schaffenskraft auch in schwierigen Zeiten – das ist der Kern des Unternehmertums. Klimaschutz, Verteidigung, Soziales – das sind alles wichtige Themen, die jedoch die wirtschaftliche Schaffenskraft von Menschen voraussetzt. Millionen Unternehmen in Deutschland, vom kleinen, regional tätigen Unternehmen bis zum global agierenden Konzern, übernehmen durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und somit Existenzen Verantwortung. Diese Existenzgrundlage ermöglicht soziale Teilhabe und individuellen Wohlstand. Dadurch tragen die Unternehmen, aber natürlich auch die Arbeitnehmer, die bei diesen Unternehmen angestellt sind, durch Beiträge zu den Sozialversicherungen und Steuern zur Finanzierung des Staatswesens bei. Ohne wirtschaftliche Verantwortung ist alles nichts. Das verantwortungsvolle Unternehmertum ist eine unverzichtbare Säule einer funktionierenden, freien Gesellschaft. Unser Blick geht jedoch über die wirtschaftliche Verantwortung hinaus und es werden weitere Aspekte zu dem Thema beleuchtet. Dabei geht es neben unternehmerischer Verantwortung auch um soziale, handelspolitische und makroökonomische Verantwortung. Unsere Gäste dürfen sich wieder auf hochkarätige Speaker freuen, die verschiedene Aspekte analysieren und ihr Expertenwissen teilen. OEM & Lieferant: Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit das Autofahren bezahlbar bleibt? Thomas Vollmar: Mindestens so wichtig, wie das Auto „auf die Straße zu bekommen“ ist es, „das Auto auf der Straße zu halten“. Hier kommt der freie Kfz-Servicemarkt ins Spiel – nicht als kleiner Zusatz zum Neuwagengeschäft, sondern als wichtige Säule der Automobilwirtschaft. Nehmen wir das Thema E-Mobilität: Statt viel Geld in Kaufprämien verpuffen zu lassen, muss es in die Verkehrsinfrastruktur fließen. Thomas Vollmar Bild: © GVA
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