OEM&Lieferant Ausgabe 2/2018 / OEM&Supplier Edition 2/2018

78 Herr Anschütz, Sie sind seit mehr als zwei Jahrzehnten erfolgreich im Markt als Ma- nagement – und Personalberater tätig und daher im ständigen Kontakt mit Unterneh- men und natürlich auch mit potenziellen Be- werberinnen und Bewerbern. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für den herrschenden Fachkräftemangel in Deutschland? Gerald Anschütz: Durch meine Arbeit als Ma- nagement- und Personalberater berate ich nicht nur die Unternehmen sondern auch die Kandidaten, die in den Job wollen oder die Ver- änderung suchen. Dadurch kenne ich den Per- sonalmarkt bestens. Außerdem beschäftige ich mich seit Jahren mit Studien zum Thema und kann folgendes dazu sagen: In den vergange- nen zwei Jahrzehnten ist die Anzahl der Studie- renden stetig angestiegen. In Zahlen sprechen wir von zirka 1,8 Millionen im Jahr 1997 auf zirka 2,7 Millionen im Jahr 2015 (Quelle: Bundes- ministerium für Bildung und Forschung). Das entspricht einer Steigerung von gut 50 Prozent in 20 Jahren. Zunächst einmal ist dieser Trend positiv zu be- werten. Sieht man sich jedoch die Verteilung der Studierenden auf die unterschiedlichen Fächer an, erkennt man, dass die Fachgruppen, aus denen die Fachkräfte der Zukunft erwachsen sollen, nicht bedarfsgerecht repräsentiert sind. Eine Quote von etwa 15 Prozent an studierenden Wirtschaftswissenschaftlern- und Betriebswirt- schaftsstudenten ist sicher noch bedarfsgerecht. Die Quote in den sogenannten MINT-Fächern ist jedoch mit rund 20 Prozent viel zu gering, wenn man sich den aktuellen und auch mittelfristigen Bedarf der Industrie ansieht. Eine Quote von 20 Prozent bedeutet dann mehr als 500.000 Studierende in den MINT-Fachgruppen. Reicht das für die Be- setzung von Fachkräften nicht aus? Gerald Anschütz: Nein, es reicht leider nicht aus. Interessant wird es, wenn man sich einmal einzelne Fachgruppen anschaut und miteinan- der vergleicht. So studieren beispielweise deut- lich mehr Menschen Psychologie oder Germa- nistik als Elektrotechnik oder mehr junge Menschen Erziehungswissenschaften als Phy- sik. Auch die Einschreibungen für Sozialwis- senschaften sind wesentlich höher als die An- zahl der Studenten und Studentinnen für Chemie. Meine Erfahrung durch die vielen In- dustriekontakte ist die, und selbst in den Me- dien herrscht darüber Einigkeit, dass der Ruf nach Ingenieuren in deutschen Organisationen lauter ist als der nach Geistes- und Sozialwis- senschaftlern. Aber das Studium alleine deckt nur einen Teil der Ausbildung von Menschen in Deutschland ab. Die Bundesregierung sah sich in den letzten 20 Jahren in der Verpflichtung, möglichst viele Menschen studieren zu lassen, um im internationalen Vergleich gut da zu ste- hen. Damit gingen jedoch die Ausbildungszah- len im Handwerk und auch in den Betrieben zurück. Das heißt, es fehlen uns künftig nicht nur Ingenieure sondern auch Meister oder Techniker. Zu Recht beschweren sich die Be- triebe über diese Entwicklung. Im Zuge der hoch qualifizierten Ausbildung wurden in Deutschland meiner Meinung nach die falschen Anreize gesetzt, denn studiert oder auch nur ein Studium begonnen zu haben, reicht alleine natürlich nicht aus, um daraus eine erfolgreiche Karriere zu entwickeln. Denn nur der Bedarf an der jeweiligen Ausbildung nach einem Studium entscheidet darüber, ob ihnen eine gute Karriere gelingt oder nicht. Hinzu kommt dann natürlich noch der Faktor „Persönlichkeit“. Sind wir denn in Deutschland mit unseren Zahlen etwa nicht gut unterwegs? Gerald Anschütz: In Deutschland agieren wir nach meiner Einschätzung weit unter den Möglichkeiten unserer Gesellschaft. Aus meiner Sicht wird wertvolles Potenzial verschenkt, da jungen Menschen nach wie vor nicht beige- bracht wird, sich an Bedarfen des Arbeitsmark- tes zu orientieren, sondern eher, die eigenen Bedürfnisse und Neigungen in den Vorder- grund zu stellen. Bis in die 80er Jahre passten die individuellen Neigungen der Menschen für Fachkräftemangel in Deutschland – ein Thema, das viele Unternehmen bewegt OEM und Lieferant sprach mit Gerald Anschütz, einem erfahrenen Management- und Personalberater aus Düsseldorf über das Problem des Fachkräftemangels in Deutschland. Der Fachkräftemangel in Deutschland entwickelt sich für die Unternehmen immer dramatischer und das, obwohl die Studentenzahlen stetig steigen. Viele Unternehmen plagt die Angst, künftig nicht genügend qualifizierte Spezialisten zu finden. Was sind die Ursachen dieses Phänomens und was können wir als Industriegesellschaft tun, um dieses Problem zu lösen. Bild: © ANSCHÜTZ Management- und Personalberatung Gerald Anschütz Personaldienstleistungen

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