OEM&Lieferant Ausgabe 2/2018 / OEM&Supplier Edition 2/2018

73 Herr Wibbing, was macht den Wandel der Automobilhersteller notwendig? Philipp Wibbing: Die Digitale Transformation ist der Beginn eines neuen Zeitalters. Wir erle- ben gerade, dass die klassische Fahrzeugtech- nik, die über Jahrzehnte das Kerngeschäft der Automobilhersteller ausgemacht hat, in der Mobilität der Zukunft an Bedeutung verliert. Entsprechend passen die Automobilhersteller ihr Geschäftsmodell den neuen Bedingungen an. Sie wissen um den kommerziellen Wert der Daten und treiben den Wandel ihrer Organisa- tion voran, um das Geschäft mit datengetrie- benen Geschäftsmodellen gezielt ausbauen zu können. Welche Art Daten sind für neue Geschäfts- modelle interessant? Philipp Wibbing: Von Autos wird künftig ein Digitaler Zwilling erstellt, in dem individuell sämtliche Ausstattungsmerkmale, Software- stände und Fahrzeuginformationen erfasst werden. Durch den Digitalen Zwilling lassen sich Kompatibilitäten bei Softwareupdates ohne Werkstattbesuch klären und Pay-per- Use-Angebote werden vereinfacht. Auf der anderen Seite stehen die Nutzerdaten, die der „Megasensor Auto“ erfasst. Über eine Internetschnittstelle lassen sich Daten bei neuen Fahrzeugen fast in Echtzeit abrufen. Diese Daten wecken natürlich auch bei Dritt- unternehmen Begehrlichkeiten. Das heißt, auch andere Unternehmen haben Interesse an diesen Daten? Philipp Wibbing: Das ist fast überall, wo große Mengen Daten anfallen, der Fall. So auch in der Automobilbranche. Beispielsweise Versiche- rungen können, sobald sie Zugriff auf die Daten haben, ihre Tarife individuell an die Fahrweise der Versicherungsnehmer anpas- sen. Werten sie unter anderem Bremsvor- gänge, Beschleunigungen, Auslösungen der Gurtstraffer aus, sind Rückschlüsse auf das Fahrverhalten möglich. Auch Unfallhergänge lassen sich mit diesen Daten rekonstruieren. Erhoben werden diese Daten bereits jetzt – sonst würden die Assistenzsysteme nicht funktionieren. Zudem sind sie für autonomes Fahren notwendig. Und der Datenschutz? Welche Möglichkei- ten hat der Autofahrer, wenn er nicht glä- sern sein möchte? Philipp Wibbing: Die Daten vieler Sensoren sind die Grundlage für autonomes Fahren und viele Systeme, die das Autofahren komfortab- ler machen. Der Datenschutz stellt dabei aber ausdrücklich kein Innovationshemmnis dar, sondern ist eine einzigartige Möglichkeit, durch innovative Lösungen verlorenes Vertrauen in die Fahrzeuge und die Cloud zurückzugewin- nen. Offenheit, Transparenz und nachweisbar datenschutzkonforme informationelle Selbst- bestimmung können die notwendige Vertrau- ensbasis für die bewusste selektive Datenfrei- gabe bilden. Der Autofahrer entscheidet selbst, welche Daten er teilen möchte? Philipp Wibbing: In Deutschland gelten ins- besondere für personenbezogene Daten hohe rechtliche Standards des Gesetzgebers, die den Schutz der Daten sicherstellen sollen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Nutzer selbst über die Bereitstellung ihrer Daten entscheiden möchten. Daher sollte der Fahrer und Halter die Datenhoheit behalten und mit einer Einzelfreigabe entscheiden, welches Unternehmen auf welche Daten zu- greifen darf – optional ergänzt durch ein An- reizsystem zum Teilen der Daten. Hier sehe ich spannende neue Geschäftsmodelle auf- ziehen. Vielen Dank für das Gespräch. Dienstleistungen Der gläserne Autofahrer? Interview mit Philipp Wibbing, Partner UNITY AG Kaum ein Lebensbereich wird durch die Digitalisierung so stark verändert wie die Mobilität. Die Autobauer befinden sich mitten im Wandel von Industriekonzernen zu Tech-Konzernen. Um den Wettbewerb hin zu neuen datengetrie- benen Geschäftsmodellen zu befeuern, greifen sie auf viele Daten des „Megasensors Auto“ zu. Philipp Wibbing, Part- ner und Automotive-Experte der Managementberatung UNITY, erklärt, was mit den Daten geschieht und welche Rolle der Datenschutz spielt. Bild: © UNITY AG UNITY AG www.unity.de Philipp Wibbing Partner UNITY AG Digitale BusinessCard Webseite Philipp Wibbing

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