Lars Beyer / © Rollax GmbH & Co.KG

Wird der klassische deutsche Mittelstand von der New Mobility abgehängt?

Interview mit Lars Beyer, Leiter Vertrieb und Marketing, Rollax GmbH & Co. KG

E-Mobilität, autonomes Fahren, Dieselgate – Themen und Tendenzen, die derzeit nicht nur die deutsche, sondern weltweit
die gesamte Automobil- und Zulieferindustrie durcheinanderwirbeln. Tradierte Geschäftsmodelle lösen sich auf. Neue Wettbewerber treten auf den Plan und Märkte verändern sich rasant. Wie können sich in diesem Umfeld mittelständisch strukturierte Zulieferunternehmen behaupten?Dr. Rudolf Müller sprach mit Lars Beyer, Leiter Vertrieb und Marketing, der Rollax GmbH & Co KG.

Herr Beyer, zunächst wollen wir uns bei Ihnen bedanken, dass Sie uns als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. Unsere erste Frage: Welche Produktbereiche bzw. Technologien sind in dem beschriebenen Veränderungsprozess besonders betroffen?

Lars Beyer: Neben rein elektrisch angetriebenen Fahrzeugen, deren Marktanteil nur in speziellen Märkten kurzfristig >5% werden wird, ist der Hauptfokus zur Zeit die Vervollständigung der Produktpalette um Hybride. Dies gilt für die OEMs wie auch für die Systemlieferanten. Dies ist der derzeit beste Weg, um die Verbräuche zu senken, die Abgasnormen zu erfüllen und damit Strafzahlungen zu entgehen. Auch in China ist die Quote nicht höher. Die oft zu lesenden zehn Prozent für 2019 entsprechen tatsächlich einem Punktesystem, bei dem ein Hybrid oder reines E-Fahrzeug je nach Reichweite zwischen zwei und fünf Punkten erhält. Bereinigt reden wir auch hier über eine Quote von zwei bis vier Prozent.

In der Übergangsphase zur E-Mobilität wird die klassische Antriebstechnik weiter nachgefragt werden. Was bedeutet das für die Zulieferer?

Lars Beyer: Der Ausbau von Hybriden wird an klassischen Technologien nichts rauben, sondern eher noch für deren gesteigerten Bedarf sorgen. Dazu kommen neue Technologien für Elektronik, Elektrik und Software. Um Ihre Frage zu beantworten, in der Summe gehe ich von einer sehr, sehr langen Übergangsphase aus. Die Unternehmen sollten nicht in Hektik verfallen, sondern strategisch ihre Stärken nutzen und ausbauen.

Hat der deutsche Mittelstand den Wandel verschlafen oder ist man gut gerüstet?

Lars Beyer: Beides! – Die deutsche Zulieferindustrie mag langsamer und konservativer sein, als hippe Newcomer aus Kalifornien. Jedoch ist sie der vielleicht bedeutsamste Teil der globalen Automobilindustrie. Wenn wir schließlich etwas machen, dann hat es Hand und Fuß und wird mit Vehemenz und technologischer Performance vorangetrieben. Langfristig wird sich dieser technische Sachverstand auch in den Lösungen der New-Mobility behaupten.

In welchen Technikfeldern vollzieht sich der Wandel am intensivsten?

Lars Beyer: Das Auto wird digital. Dieser Trend wurde durch die Jagd auf Kunden, die in einer vernetzten Welt groß werden, maßgeblich beschleunigt. Auch finden sich neuerdings viele markenspezifischen Merkmale neben dem Design auch in den digitalen Funktionen, z. B. Werbung für Autos mit Smartphone-Konnektivität.

Die Zulieferindustrie hat sich in der Vergangenheit in erster Linie bis hin zur Entwicklungs- und Systempartnerschaft an den OEMs orientiert. Mit Google, Apple, Zoox oder Uber erscheinen neue, bisher branchenfremde Wettbewerber am Markt. Müssen sich die Zulieferer umorientieren?

Lars Beyer: OEM-Innovationsbudgets und generell die Wertschöpfung im Auto werden zunehmend einen Fokus auf Elektrik, Elektronik und Software haben. An diesen neuen Anforderungen wird sich die Zulieferindustrie anpassen. Was das für den einzelnen heißt, kann man nur spezifisch beantworten. Ein Experte fürs Feinschneiden wird kein neues OS entwickeln. Besteht aber bereits ein Marktzugang zu Systemen, die sich  intelligenter darstellen lassen, so ist man derzeit gut beraten, hier in zusätzliches Know-How zu investieren.

Einerseits gehen die großen Systemlieferanten massiv in die Vorwärtsintegration und machen sogar ihren eigenen Kunden – den OEMs – Konkurrenz. Andererseits erscheinen Low-cost-supplier am Markt. Droht der Mittelstand zwischen diesen Polen zerrieben zu werden?

Lars Beyer: In der Tat bieten große Systemlieferanten bereits ganze Antriebsstrangkonzepte für Elektro- und Hybridantrieb an, z.B. Delphi. Ich nenne dies Tier 0,5-Ebene. Mögliche Kunden sind aufstrebende asiatische OEMs, die diese gesamtheitliche Entwicklungskompetenz nicht haben. Aber auch im klassischen Tier 1 gibt es eine immer höhere Leistungsdichte der etablierten Lieferanten. Für den Mittelstand ändert sich hier im Wesentlichen die Kunden- und Wettbewerbsstruktur. Aber es entstehen auch Chancen im Komponentenbereich, der von den großen Lieferanten zugunsten der Systemplattformen outgesourced wird.

Einen Einfluss durch Low-cost-supplier sehe ich im Generellen, nicht spezifisch für den New-Mobility-Bereich. Es ist das Los moderner Industriestaaten, durch Innovation und Prozessoptimierung den Abstand zum Low-cost aufrecht zu erhalten. Man kann nur hoffen, dass die deutsche Bildungspolitik diesen Umstand zukünftig ausreichend reflektieren wird.

Betrachtet man die Entwicklung des Gesamtzuliefermarktes weltweit, kann man feststellen, dass vornehmlich US-amerikanische und seit einigen Jahren auch chinesische Unternehmen durch Übernahmen kleinerer Wettbewerber den Markt zunehmend verändern. Was bedeutet das für den Mittelstand?

Lars Beyer: Ich sehe einen klaren Unterschied zwischen US- und Chinainvestoren. Während die US Investoren häufig auf unterbewertete Potentiale mit Eigenkapitalreserven schauen, um diese möglichst schnell in Gewinne zu verwandeln, gehen chinesische Investoren – meist mit sehr viel Cash ausgestattet – eher langfristiger vor. Sie investieren in das Unternehmen, lassen Strukturen und Management oft unbeeinflusst und intensivieren stark den wachstumsreichen chinesischen Zielmarkt, der zuvor häufig unterrepräsentiert war. Der viel befürchtete Ideenklau und Ausverkauf ist eine Mär, die sich immer noch stark gegen chinesische Investoren hält.

Ist die Kooperation vergleichbar großer, mittelständischer Zulieferunternehmen eine Möglichkeit, sich gegen die Branchenriesen zu behaupten?

Lars Beyer: Absolut! – Nirgendwo auf der Welt, in Abstrichen vielleicht noch in Japan, findet man eine so hohe Konzentration von mittelständischer Expertise und Hidden Champions wie in Deutschland. Die weltweit hervorragenden, spezifischen Fähigkeiten mittelständischer Automobilzulieferer stehen außer Frage. Nur lassen sich Lösungen aufgrund der Komplexität der Prozesse häufig nur in enger Kooperation erschließen. Was die großen Systemlieferanten derzeit durch Zukauf von Know-How bewerkstelligen, kann der Mittelstand durch ein Umdenken hin zu offener Zusammenarbeit erreichen. Rollax macht sich seit Jahren stark dafür und sucht aktiv nach Partnern ohne Überschneidung, aber mit viel Synergie.

Herr Beyer, ist der Standort Deutschland ein Vor-oder ein Nachteil?

Lars Beyer: Deutschland bietet Vorteile gegenüber reinen Low-Cost Staaten. Erfolgreiche Technologien erfordern gut ausgebildete Ingenieure und die Nähe zum Zielmarkt. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir in Deutschland über hervorragende Ingenieure und die besten Facharbeiter verfügen, was die Voraussetzung für zukünftige Entwicklungen, wie z. B. Industrie 4.0 ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: OEM&Lieferant – Ausgabe I/2018