Setzt auf Standards! Ein Appell.

Von Eckhard Höhmann, Solution Architect, All for One Steeb

Standards sind in der Automobilindustrie allgegenwärtig. Ganz besonders an den Berührungspunkten von Prozessen, die über die Unternehmensgrenze des Zulieferers hinausgehen. Zulieferer kennen die Standards der OEMs zur Genüge. Nicht nur, dass die gemeinsamen Regeln, die in Regelwerken oder Normen festgelegt sind auch befolgt werden müssen, auch die Einhaltung ist in Form von entsprechenden Audits zu bestätigen. Diese Standards dienen letztlich immer einem höheren Zweck. Gerade in der Automobilindustrie bedeutet Standards einzuhalten das Erhalten von Leben (wie z. B. bei standardisierten Crashtests) oder ein nachhaltiger Umgang mit unserer Umwelt.

Gemeinsam gestalten

Hochinteressant aus Sicht eines Beratungs- und Softwareunternehmens ist es, zu praxisgerechten Standards zu kommen, die dann von Kunden aus der Branche angenommen werden. Oft hilft jahrelange Branchenexpertise ein gutes Stück weiter. Für richtig gute und wegweisende Themen jedoch sind wir alle gefragt. Gerade die Arbeit in entsprechenden Gremien der Branchenverbände ist eine hervorragende Plattform für paritätisches Geben und Nehmen. Tauschen Sie sich aus, lernen Sie Neues und gestalten Sie mit!

Individualprogrammierungen nur dort, wo es warm und hell ist

Natürlich gilt: Individualprogrammierungen sind unter bestimmten Bedingungen einfach unumgänglich. Ein gutes Beispiel ist hier die Abwicklung hochkomplexer Fertigungs- und Logistikprozesse im JIT/JIS-Umfeld. Hier steht eine unglaublich hohe Anzahl von möglichen Prozesseigenheiten der Softwareausprägung gegenüber und der Aufwand der entsprechenden Programmierungen ist gerechtfertigt, da es sich für den Zulieferer um einen wertschöpfenden Kernprozess handelt. Grundsätzlich gilt für eine gut aufgestellte IT: Je enger ein IT-System entweder in die wertschöpfenden Kernprozesse und/oder in die Prozesse des eigenen geistigen Eigentums (sog. „own IP“) eingebunden ist, umso mehr erfolgen Anpassungen in Form von Programmierungen. Im Umkehrschluss sind Individualprogrammierungen umso kritischer unter die Lupe zu nehmen, je weiter sie sich vom Nukleus der „own IP“ entfernen. Vereinfacht kann man sich diesen Prozess analog unseres Sonnensystems vorstellen: In der Mitte befinden sich die Sonne und die inneren Planeten – hier ist die größte Energie und das Leben. Nach außen wird es kalt und dunkel. Wenn wir hier – z. B. bei den Unterstützungsprozessen – auf große Individualprogramme stoßen, liegt oft etwas im Argen. Denn man kommt mit Individualprogrammen zwar schnell zur gewünschten Funktion, aber der Betriebsaufwand rechtfertigt diese Geschwindigkeit meist nicht. Wartung und Funktionserweiterungen sind erheblich komplizierter und sind oft vom Entwickler abhängig. Wie kommt es also zu diesem unerwünschten Phänomen?

Daran erkennen Sie das Unglück der “Sonderlocke”

Hier treffen leider häufig Inflexibilität auf der anfordernden Seite und stumpfes Umsetzen auf der leistenden Seite hart aufeinander. Dass das Unglück in diesem Projekt seinen Lauf nimmt, erkennt man an Aussagen wie:
Der Anwender soll/wird (!) sich nicht umgewöhnen.
Wenn der Kunde das will, programmiere ich das halt.
Klar, können wir machen, kostet halt extra.

Und natürlich der All-time-Nummer-1-Hit:
DAS WAR SCHON IMMER SO!

Der Unwille, als Dienstleister zu führen und als Fordernder auch einmal geführt zu werden, scheint auf beiden Seiten enorm. Und seitens des Dienstleisters gibt es einfach zu wenig Führung.

Software- und Beratungshäuser sind in der Verantwortung

Es liegt an uns Software- und Beratungshäusern, vernünftig zu erklären, warum man eine Individualanforderung nicht umsetzen sollte, sondern im Standardrepertoire entweder etwas viel Besseres hat oder vor großen Entwicklungen die Anwender den Standard ausprobieren lässt. Diesen Weg einzuschlagen, ist unbequemer als einfaches Umsetzen von Anforderungen ohne groß nachzudenken, und daher gehen ihn nur wenige. Einen Programmierer auf ein Individualprojekt zu setzen und X Stunden für Y Euro abzurechnen, ist außerdem ein sicheres Geschäft. Dieselbe Person Standardsoftware entwickeln zu lassen, in der Hoffnung Lizenzen zu verkaufen, bedeutet immer eine gewisse Investitionsphase, bevor der Lizenzumsatz Wirkung zeigt. Das ist im Rennen von Quartal zu Quartal natürlich nicht so chic im Geschäftsbericht wie X Personen à Tagessatz Y. Auch ist die eigene Aussage, einen Entwickler wie oben beschrieben von A nach B zu setzen, eigentlich fahrlässig. Denn Standardsoftware zu entwickeln, ist eine andere Aufgabe als projektindividuell zu programmieren. Hier geht es nämlich um den Einsatz einer Lösung in einer unbekannten Anzahl von Installationen unter verschiedensten Rahmenbedingungen. Das erfordert natürlich ganz andere Entwicklungsbedingungen und Testverfahren, um diese unbekannten Größen zu beherrschen. Standardsoftware dauert in der Entwicklung daher oft länger als eine Individuallösung – 100 % bis 150 % für den gleichen Funktionsumfang sind hier keine Seltenheit.

Gute Standardsoftware bringt Stabilität und Zuverlässigkeit

Allerdings entwickelt gute Standardsoftware über ihren Lebenszyklus eine ganz eigene Schönheit. Die Implementierung geschieht im Allgemeinen schneller, die Anpassung z.B. an neue Anforderungen des OEM kann oft zum Fixpreis, als Konfiguration oder Zusatzlizenz bezogen werden und viele Stellen, die normalerweise von IT-Experten zu programmieren wären, sind durch die Fachabteilung konfigurierbar. Und die vielgeschmähte Wartungsgebühr finanziert über eine große Anzahl der Anwender Kontinuität und Stabilität des Anbieters, sowohl technisch als auch betriebswirtschaftlich.

Cloudbasierte Subscription- oder Pay-peruse-Modelle zahlen im Prinzip auch, wenn nicht sogar mehr auf die Vorteile von Standardsoftware ein. Und genau diese Stabilität braucht man, um nachhaltige Standards zu setzen. Lust mitzumachen? Konkret erarbeitet der ITA gerade eine Aktualisierung des Anforderungskatalogs an ein MES-System in der Automobilzulieferindustrie. Sie sind herzlich eingeladen, mitzugestalten und Antworten aus der Praxis mitzubringen!

All for One Steeb AG

www.all-for-one.com

Quelle: OEM&Lieferant, Ausgabe 1/2019