36 Mittelmanagements. Es wird zum Bindeglied und zur Schnittstelle zwischen der strategischen Ausrichtung der Unternehmensführung und den operativen Einheiten und stellt damit die Umsetzung von Unternehmenszielen sicher. In der Schnittstellenfunktion spiegelt sich auch die kommunikative Bedeutung des Mittelmanagements. Dabei geht es nicht nur um die Kommunikation von Unternehmenszielen an die Mitarbeiter, sondern auch um das Erkennen von Diskontinuitäten oder Fehlentwicklungen auf der operativen Ebene. Welche Kompetenzen zeichnen das Mittelmanagement als Leistungsträger aus? Marion Plocher: In der heutigen Situation der Automobilindustrie ist die strategische Flexibilität – also die Fähigkeit, schnell auf Veränderungen zu reagieren und die Strategie gegebenenfalls anzupassen – von herausragender Bedeutung. Dies zeigt sich zum Beispiel an der Schnelligkeit innovativer Produktgestaltungen oder der Vielfalt unterschiedlicher Antriebsvarianten. Auch die nicht vorhersehbare technologische Variantenvielfalt im Bereich der Batteriezellen zeigt deutlich, dass ständige Veränderungen an der Tagesordnung sein werden. Um diese Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen, bedarf es einer ausgeprägten Agilität, Innovationsfähigkeit und Durchsetzungsfähigkeit, insbesondere im Mittelmanagement. Welche Fachkompetenzen sind neben diesen Managementfähigkeiten er- forderlich? Marion Plocher: Unsere Automobilindustrie ist nach wie vor durch eine hohe Kompetenz im Bereich der Metallverarbeitung im weitesten Sinne geprägt. Digitalisierung, KI, alternative E-Antriebe und speziell die Batterietechnik erfordern Kompetenzen im Bereich der IT, der Elektronik und Elektrotechnik sowie der Chemie. Diese Fähigkeiten standen in der Vergangenheit nicht im Vordergrund, sind aber für die Zukunft von essenzieller Bedeutung. Was sollten Unternehmen tun, um diese Kompetenzen in Krisenzeiten zu erhalten und gegebenenfalls aufzubauen? Marion Plocher: Die Unternehmen sind gut beraten, ihre Leistungsträger im Mittelmanagement genau zu identifizieren, um sie in Phasen des Personalabbaus schützen zu können. Die Implementierung von Entwicklungsprogrammen – auch mit einer Option von Retention-Boni zur Verhinderung von Fluktuation – ist ein geeignetes Instrument. Parallel sollte Interview I Job und Karriere Die Stunde des Mittelmanagements Nahezu alle Prognosen gehen davon aus, dass die Krise in der Automobilindustrie ein Phänomen darstellt, das uns über die kommenden Jahre hinweg begleiten wird. Angesichts der Neuformation der globalen Märkte mit China als neuem Player, der Transformation in allen Phasen der Wertschöpfungskette und getrieben von neuen Technologien reagieren die Märkte weltweit mit Zurückhaltung. Dies wiederum veranlasst die Unternehmen, Kapazitäten zu reduzieren, Standorte zu schließen und Personal in erheblichem Umfang abzubauen. Wie Unternehmen auf diese Entwicklung ohne Kompetenzverlust auf der Personalseite reagieren können, ist Thema des Interviews mit Marion Plocher, CEO/Founder der Plocher Executive Find GmbH, Stuttgart und Wien; Welche Folgen hat der Personalabbau für die künftige Entwicklung unserer Automobilunternehmen? Marion Plocher: Wir alle kennen die rechtlichen Grenzen, die der Gesetzgeber bei der Reduzierung von Personal setzt. Die eigentlich erforderliche gezielte qualitative Personalauswahl wird zugunsten sozialer Gesichtspunkte nahezu ausgeschlossen. Quantität geht in der Regel hier vor Qualität. Dies hat zur Folge, dass die Unternehmen sich von Beschäftigten trennen müssen, die für die künftige Entwicklung dringend erforderlich sind. Um dies zu verhindern, sollten Unternehmen alles tun, die vorhandenen rechtlichen Möglichkeiten zu nutzen, Leistungsträger im Unternehmen trotz Sozialauswahl zu halten. Welche Beschäftigtengruppe verdient besonderes Augenmerk als Leistungs- träger? Marion Plocher: Darauf eine generelle Antwort zu finden, ist schwierig, zumal die strategischen Positionen höchst unterschiedlich sind. Ein besonderes Augenmerk sollten die Unternehmen jedoch auf die Gruppe des Mittelmanagements richten. Warum verdient gerade das Mittelmanagement in Krisen- und Transformationsphasen besondere Beachtung? Marion Plocher: Weitgehend unbemerkt haben sich Anteil und Bedeutung des Mittelmanagements in den vergangenen Jahren deutlich vergrößert. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass Unternehmen zunehmend einen Bottomup-Ansatz im Verhältnis von Führungskräften zum Mittelmanagement verfolgen. Dabei geht es darum, durch Motivation und Inspiration das Potenzial und die Kreativität von Mitarbeitenden ohne Führungsaufgabe für sich zu nutzen. Dieser veränderte Ansatz hat tiefgreifende Auswirkungen auf Funktion und Rolle des Bild: © Mario Stockhausen
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