Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA)

Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA)

Editorial von Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie

… ist in den Weltmärkten überwiegend positiv. Offensichtlich trotzen die Verkaufszahlen in den wichtigsten Märkten den gestiegenen politischen Risiken und Debatten im In- und Ausland. Der Pkw-Inlandsmarkt ist um 3 Prozent auf rund 1,8 Mio. Einheiten gestiegen, die Beschäftigung umfasst 812.000 Mitarbeiter – das ist der höchste Stand seit 26 Jahren. Produktion und Export lagen leicht unter dem hohen Vorjahresniveau. Auf den großen Märkten – USA, China, Europa – hat sich die Wachstumsdynamik der letzten Jahre verringert. Das ist kein Grund zu Pessimismus, zeigt aber gegen Ende der Legislaturperiode: Wirtschaftspolitisch besteht weder national noch international – Stichwort Handelspolitik – Anlass, sich zurückzulehnen. Deutschland muss in der kommenden Legislaturperiode wieder an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeiten. Das ist auch für den Automobilstandort Deutschland, gerade aus Sicht der Zulieferer, unverzichtbar. Dabei haben wir alle Chancen, unsere starke industrielle Position zu behaupten. Die Perspektiven für das Gesamtjahr 2017 sind ordentlich. Der Pkw-Weltmarkt wächst weiter auf 84,5 Mio. Pkw (+2 Prozent). Das ist alles andere als selbstverständlich. Die bisherigen Krisenländer (Brasilien, Russland) erholen sich langsam. Ihre langjährige Talfahrt ist zumindest vorbei, es geht wieder voran, allerdings von einem niedrigen Niveau aus.

Die drei großen Märkte – USA, China, Europa – stehen für 70 Prozent des Pkw-Weltmarktes. Der US-Markt bleibt 2017 in etwa auf dem hohen Niveau des Vorjahres. China legt – nach einem 18-Prozent-Wachstum im Vorjahr – in 2017 nur etwa um 2 Prozent auf 24,1 Mio. Pkw zu, und nicht, wie noch im Dezember 2016 prognostiziert, um 5 Prozent. Europa wird mit 15,4 Mio. Pkw den Vorjahreswert leicht überschreiten (+2 Prozent). Die Märkte profitieren weiterhin von niedrigen Zinsen und einem ebenfalls niedrigen Ölpreis. Doch andererseits gibt es international einige erhebliche politische Risiken. Dazu gehört der Brexit mit all seinen Unsicherheiten und einem ungewissen Ausgang der Verhandlungen. Dazu gehören handelspolitische Fragen Europas – in Richtung USA ebenso wie mit Blick auf China. Erfreulich ist hingegen – nicht nur aus Sicht der Automobilindustrie – die klare Ansage des neuen französischen Präsidenten Macron für Europa und eine enge Partnerschaft mit Deutschland. In diesem insgesamt schwieriger werdenden Umfeld kommt der deutschen Automobilindustrie sehr zugute, dass sie weltweit aufgestellt ist, mit Fertigungsstandorten in 22 Ländern außerhalb Deutschlands. Sie hat im vergangenen Jahr 15,8 Mio. Pkw produziert, davon 10,1 Mio. Einheiten im Ausland.

Allein in China liefen 4 Mio. Pkw deutscher Konzernmarken von den Bändern, in den USA waren es 850.000 Light Vehicles. Ähnlich international ausgerichtet sind unsere Zulieferer – mit mehr als 2.200 Auslandsstandorten in rund 80 Ländern. Die Zahl der Auslandsstandorte hat sich seit Anfang des Jahrzehnts um mehr als 40 Prozent erhöht. Für das Gesamtjahr 2017 erwarten wir einen weiteren Anstieg der Auslandsproduktion auf 10,4 Mio. Pkw. Da wir weltweit aktiv sind, ist für uns die jeweilige wirtschaftliche Lage in den Regionen natürlich wichtig. Schon heute ist klar: Das geringere Wachstum des Pkw-Weltmarktes führt zu einem noch schärferen internationalen Wettbewerb. Hinzu kommen Risiken wie eine mögliche Neuausrichtung der US-Handelspolitik, die Folgen des Brexit sowie politische Instabilitäten, etwa in Brasilien. Der Wind wird also rauer. Die gute Beschäftigungslage an unseren Inlandsstandorten hängt entscheidend von der Exportstärke unserer Industrie ab. Sie ist nicht naturgegeben. Offene Märkte und damit eine klare Handelspolitik sind wichtiger denn je. Exportstärke muss darüber hinaus Tag für Tag neu erarbeitet werden. Wie groß diese Anstrengungen sind, zeigt eine Zahl: Die deutsche Automobilindustrie investiert in Forschung und Entwicklung weltweit 39 Mrd. Euro – doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Ein Drittel dieser Aufwendungen stemmen übrigens die Zulieferer.

www.iaa.de