OEM&Lieferant sprach mit Hartmut Röhl, Präsident des Gesamtverband Autoteile-Handel e.V., über aktuelle Fragestellungen seiner Branche

Der Gesamtverband Autoteile-Handel e.V. (GVA) ist der Branchenverband und die politische Interessenvertretung des freien Kfz-Teile-Großhandels in Deutschland. Darüber hinaus spricht er auch für die rund 2.000 Einzelhändler von Kfz-Ersatzteilen. Im GVA sind derzeit 133 Handelsunternehmen mit über 1.000 Betriebsstellen sowie 123 Kfz-Teilehersteller und Anbieter technischer Informationen organisiert. Zentrale Aufgabe des GVA ist es, die gemeinsamen Interessen des freien Kfz-Teilehandels in der Bundesrepublik zu schützen und zu fördern sowie die berufsständischen Belange der Branchegegenüber Behörden und Parlamenten sowie gegenüber anderen Branchen und deren Verbänden zu vertreten.

Der Kfz-Aftermarket ist mit einem Gesamtumsatzvolumen von rund 30,5 Mrd. Euro seit fast zehn Jahren stabil. Wohin wird er sich in den nächsten Jahren entwickeln? Wird es Verschiebungen zum gebundenen Markt geben und was sind die entscheidenden Einflussgrößen.

Hartmut Röhl: Mittelfristig wird sich unser Markt weitgehend stabil entwickeln. Langfristig sehen wir vor allem die technologischen Entwicklungen und die politischen Rahmenbedingungen als die entscheidenden Einflussgrößen. Die Elektromobilität zum Beispiel wird zu einem Wegfall von mechanischen Ersatzteilen führen, die bislang mit zum Kerngeschäft unserer Mitgliedsunternehmen gehören. Aber unsere Teilehersteller passen sich heute schon an diese Entwicklungen an und stellen ihre Produktpalette auf die künftigen Anforderungen um. Hier vollzieht sich gerade ein bemerkenswerter Wandel vom reinen Teilelieferanten zum Mobilitäts-Provider.

Seit Jahren wird auf europäischer Ebene die Frage des Designschutzes für sichtbare Kfz-Ersatzteile diskutiert. Worin sehen Sie die Vorteile für Ihre Mitglieder in einer sog. Reparaturklausel im Designgesetz?

Hartmut Röhl: Zunächst möchte ich feststellen, dass ein Designschutz für Ersatzteile nach unserer Auffassung generell nicht gerechtfertigt ist. Für uns gilt der Grundsatz, dass beim Designschutz der Schutz geistiger Leistung und nicht der Schutz eines Produktmonopols im Vordergrund stehen sollte. Die EU-Richtlinie zum Designschutz schützt die äußere Erscheinungsform eines Fahrzeugs und soll damit verhindern, dass ein Wettbewerber ein Fahrzeug mit dem gleichen Aussehen auf den Markt bringt. Wird ein Fahrzeug beschädigt, werden Ersatzteile verwendet, um den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Nach der aktuellen Designrichtlinie sind deshalb die meisten Ersatzteile vom Designschutz ausgenommen. Dies gilt jedoch nicht für die äußeren, sichtbaren Teile. Für diese Teile reklamieren die Automobilhersteller das Recht, das Design für sich schützen zu lassen. Da es bei Reparaturen keine Designalternative gibt, erscheint das vielen Experten jedoch nicht gerechtfertigt. Die Einführung einer entsprechenden rechtlichen Regelung – einer sog. Reparaturklausel – die Ersatzteile vom Designschutz ausklammert, wäre ein sinnvoller Kompromiss. Sie würde Monopole im Markt für sichtbare Kfz-Ersatzteile verhindern und den Wettbewerb stärken, da der Verbraucher zwischen den Ersatzteilen konkurrierender Anbieter wählen könnte.

Die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung von Fahrzeugen könnte dazu führen, dass die Fahrzeughersteller den Zugriff auf alle relevanten Informationen und Fahrzeugdaten für sich selbst monopolisieren. Was bedeutet das für den freien Teilemarkt und wie ist dieses Problem lösbar?

Hartmut Röhl: Digitalisierung und Vernetzung werden auch den Kfz-Aftermarket entscheidend prägen. Angesichts des erheblichen Marktpotentials ist es nicht verwunderlich, dass die Fahrzeughersteller versuchen, sich die Hoheit über Fahrzeugdaten und die entsprechenden Schnittstellen exklusiv zu sichern und damit freie Anbieter aus dem Markt zu drängen. Der GVA setzt sich aber nachdrücklich dafür ein, dass die für die  Vernetzung relevanten Schnittstellen im Fahrzeug frei zugänglich, interoperabel, sicher und standardisiert gestaltet werden, damit unabhängige Anbieter eigene Produkte anbieten können. Das von der Automobilindustrie vorgeschlagene Konzept eines „Extended Vehicle“ bzw. das jüngst NEVADA genannte Konzept mit einem so genannten „neutralen Server“ erfüllt diese Anforderungen, die sich auch als Prüfauftrag in der europäischen eCall-Verordnung finden, nicht. Bei den genannten Konzepten entscheiden nämlich die Fahrzeughersteller, welche Daten über einen nachrangigen Server dem freien Markt zur Verfügung gestellt werden. Freier Wettbewerb lässt sich nur über eine offene Telematik-Plattform im Fahrzeug sicherstellen, auf die die Marktteilnehmer gleichberechtigt zugreifen können.

Nach wie vor besteht eine gewisse Verunsicherung der Kfz-Kunden gegenüber freien Servicebetrieben. Insbesondere besteht Unklarheit über die Möglichkeit der Inanspruchnahme nicht OEMgebundener Betriebe während der Gewährleistungsfrist, auch wenn z.B. die Aftermarket-GVO diesbezüglich klare Regeln enthält. Was ist aus Ihrer Sicht noch zu tun, um hier mehr Transparenz zu schaffen?

Hartmut Röhl: Die Rechtslage ist eindeutig: Die Ansprüche eines Autofahrers aus der gesetzlichen Gewährleistung können durch die fachgerechte Wartung bzw. Verschleiß- oder Unfallreparaturen in einer freien Werkstatt nicht in Gefahr geraten. Es kommt immer darauf an, wer ein Problem verursacht hat, und nicht darauf, wo der Verbraucher eine Inspektion hat vornehmen lassen. Gleiches gilt nach Auffassung der EU-Kommission auch für kostenlose Neuwagengarantien. Dennoch stellen wir immer wieder fest, dass auf Fahrzeugherstellerseite mit falschen Aussagen zu einem möglichen Verlust von Garantie oder Gewährleistung versucht wird, Kunden auf unlautere Weise an die jeweiligen Betriebe des Herstellers zu binden. Wenn uns solche Fälle bekannt werden, gehen wir dagegen vor. Weiterhin unterstützen wir die Werkstätten mit Informationsmaterial und Drucksachen, um sie in die Lage zu versetzen, ihre Kunden entsprechend zu informieren.

Die EU-Kommission treibt derzeit die Reform der EU-Typengenehmigung voran. Wie sind die Positionen Ihres Verbandes zu diesem Verfahren?

Hartmut Röhl: Wir betrachten es als dringend erforderlich, die Zulassungsregeln für Fahrzeuge und für bestimmte Ersatzteile in allen EUMitgliedsländern einheitlich und verbindlich in einer Verordnung festzuschreiben. Derzeit haben die einzelnen Länder Spielräume bei der Umsetzung technischer Regelungen, die auch ausgenutzt werden. Ganz entscheidend wird sein, dass die Überwachung der Einhaltung der Regeln und die Sanktionierung von Verstößen in geeigneter Weise geregelt wird. So weigern sich viele Fahrzeughersteller weiterhin, ihren Pflichten aus den Typgenehmigungsverordnungen hinsichtlich des Zugangs unabhängiger
Marktteilnehmer zu den Informationen zur Fahrzeug- und Ersatzteilidentifikation vollumfänglich nachzukommen. Hier besteht im Rahmen der Reform Handlungsbedarf.

In einer Erklärung zum Jubiläum 60 Jahre „Römische Verträge“ haben Sie als GVA ein klares Bekenntnis zu einem vereinten und starken Europa abgegeben. Worin bestehen die Vorteile europäischer Regelungen für Ihre Branche?

Hartmut Röhl: Fahrzeuge und Fahrzeugteile sind international vertriebene und genutzte Güter. Dies erfordert auch internationale Regelungen und Standards in jeder Hinsicht. Ein Denken und Handeln in rein nationalen Kategorien wäre für unsere Branche fatal und wäre für den Wettbewerb sowie die Wachstumschancen kontraproduktiv. Wir brauchen den freien Waren- und Dienstleistungsverkehr und dies gewährleistet ein vereintes und starkes Europa.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Rudolf Müller.

(Quelle: OEM&Lieferant, Ausgabe 2/2017)