OEM&Lieferant sprach mit Armin Gehl, Geschäftsführer des autoregion e.V.

Gegründet im Februar 2015 versteht sich der grenzüberschreitend arbeitende Verein autoregion e.V. als ein eigenständig arbeitendes, komplementär ergänzendes Organ zu den bestehenden Automotivnetzwerken der Großregion Luxemburg, Saarland, Rheinland-Pfalz und der französischen Region Grand Est. autoregion e.V. wird getragen von Unternehmen, Verbänden, Forschungseinrichtungen und politischen Institutionen.

Eine Region, die Jahrzehnte von Kohle und Stahl geprägt war und danach stark unter den Folgen des industriellen Strukturwandels gelitten hatte, hat sich zu einem Zentrum der europäischen Automobilindustrie entwickelt. Was ist das Geheimnis dieser Erfolgsgeschichte?

Der Grundstein wurde in der Ära unter Ministerpräsident Röder gelegt, der in den 70er Jahren ein Ford-Montagewerk nach Saarlouis holte. Somit konnten die ersten 5.600 Arbeiter, die damals schon in den Bereichen des Bergbaus und der Hüttenindustrie freigesetzt wurden, als Facharbeiter weiter vermittelt werden.

Unter der Ära von Ministerpräsident Lafontaine wurde dann Anfang der 90er Jahre der erste Zuliefererpark im Saarland, direkt neben Ford, errichtet, was wiederum rund 2.500 Menschen eine neue Perspektive aufzeigte. Auch und seither auch die letzte Ansiedlung eines Großunternehmens, eine Alugießerei für Motorblöcke, mit 2.000 Mitarbeitern geht auf das Konto von Ministerpräsident Lafontaine. Diese damaligen weitreichenden Entwicklungen haben natürlich dazu beigetragen, dass sich auch die kleineren schon vorhandenen Zulieferer weiterentwickelten und auch die großen (Bosch, ZF, Michelin u.a.) von dem frei werdenden Facharbeiterstamm der Hütten und des Bergbaus profitierten.

Ihr Cluster verbindet mit der Saar, Rheinland-Pfalz, Luxemburg und der französischen Region Grand Est kulturell und strukturell doch sehr unterschiedliche Regionen. Was ist der spezifische Beitrag dieser Regionen zu einer gemeinsam vernetzten Industrie?

Die in dieser Region tätigen Unternehmen betreiben sogenannte verlängerte Werkbänke, also reine Produktionswerke mit großer Abhängigkeit von den Mutterhäusern und sind somit ferngesteuert. Hier ist es wichtig, Qualität und Zuverlässigkeit zu liefern. Auch wird von den Unternehmen eine immer stärker werdende grenzübergreifende Zusammenarbeit angepeilt.

Trotz EU bilden nationale Grenzen nach wie vor Hemmnisse bei der Zusammenarbeit. Was konnte Ihr Cluster mit der Schaffung von grenzübergreifenden Netzwerkstrukturen zur Verbesserung der Zusammenarbeit leisten?

Wir kooperieren sehr stark mit den Netzwerken in Frankreich und Luxemburg, um den Unternehmen in diesen Regionen die Möglichkeit zu eröffnen, bilateral aktiv Kontakte aufzubauen und somit auch zusammen zu arbeiten. Wir leben die grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Wenn Sie die Situation bei Gründung des Automobil-Clusters mit der heutigen Situation vergleichen – was hat sich verändert?

Durch die Gründung des ersten grenzüberschreitenden Clusters, des autoregion e.V., hat sich die aktive Zusammenarbeit sehr stark verändert. Unternehmen nutzen die Netzwerke als Kontaktplattform untereinander und grenzüberschreitend. Auch die im grenznahen Raum befindlichen Unternehmen in Frankreich suchen aktiv den Kontakt zu den deutschen Unternehmen über das Netzwerk. Auch wird dieses Ansinnen in Frankreich durch die Regierung unterstützt.

Welche Bedeutung hat heute die Automobilindustrie für die Großregion?

Die Automobilindustrie ist der größte Arbeitgeber in der Großregion. Mit rd. 200.000 Mitarbeitern in rd. 600 Unternehmen wird ein Umsatz von annähernd 100 Mrd. Euro erzielt.

Die Automobilindustrie steht mitten im Prozess tiefgreifender Veränderungen. E-Mobilität, Digitalisierung, Vernetzung, autonomes Fahren sind die beherrschenden Themen. Ist die Automobilindustrie in der Großregion für diese Veränderungen gerüstet oder stehen wir vor einer neuen Strukturkrise?

Die gesamte europäische, wie die weltweite Automobilindustrie steht vor einer gravierenden Veränderung. Dies wird auch an den Unternehmen der Großregion nicht spurlos vorüber gehen. Industrie 4.0 wird zur Zeit in den Produktionsstätten eingeführt, um dem Prozess der Zukunft gewappnet zu sein. Bei der Produktion von „neuen“ Dingen im Bereich der E-Mobilität oder des autonomen Fahrens sind die Unternehmen gerüstet. Der Markt bestimmt die Zukunft, und auch hier sind die Politiker gefordert, keine „Biertisch-Parolen“ in die Welt zu setzen, um diesem Industriezweig zu schaden und somit eine Strukturkrise heraufzubeschwören..

Was kann das Cluster autoregion in diesem Veränderungsprozess leisten?

Wir wollen eine sehr starke Vernetzung zwischen den Unternehmen aufbauen, um in Gemeinsamkeit als größere Einheiten im Markt eine starke Stellung einzunehmen. Die politische Großwetterlage hat sich in den vergangenen Monaten nicht gerade in Richtung der Förderung des Freihandels bewegt. Gerade aus den USA hören wir stark protektionistische Töne. Wie kommt das in einer Großregion an, die die Vorteile der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit für sich erkannt und zu nutzen gelernt hat? Man wartet ab, wie sich der Weltmarkt entwickelt. Eine größere Angst beflügelt der Brexit, da aus der Großregion über 30 Prozent der Waren in den Markt Großbritannien fließen.

Was sind die wesentlichen, in nächster Zukunft vor ihnen liegenden Herausforderungen? Wohin wird sich die autoregion e.V. entwickeln?

Der „autoregion e.V.“ wird sich als Kooperationsschnittstelle und Kompetenzplattform in der Großregion weiter etablieren bzw. hat es schon. Das Ziel des Vereins ist es, den eingeschlagenen Weg mit den Partnern in der Region Grand Est, in Luxemburg und Deutschland (Saarland und Rheinland-Pfalz) auszubauen, die Unternehmen, die auch den Verein tragen, noch stärker zu unterstützen und zu vernetzen. Denn nur in starken Netzwerken können die KMU’s überleben. Der Verein hat das Ziel bis 2020, in Gemeinsamkeit mit den Partnern, rund 200 Unternehmen als aktive Mitglieder zu zählen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Dr. Rudolf Müller
 

(Quelle: OEM&Lieferant, Ausgabe 2/2017)