Trends in Logistik und Supply Chain Management

Von Prof. Dr.-Ing. Raimund Klinkner, Vorsitzender des Vorstands, Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V.

Umfragen und Studien der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V. ergaben: Großer Handlungs- und Gestaltungsbedarf besteht beim Datenmanagement und den Schnittstellen, bei der Vernetzung von Prozessabläufen und der Qualifikation der Beschäftigten. Die BVL stellt das Jahr 2017 unter das Motto „Neues denken, Digitales leben“.

Das Expertennetzwerk wird 2017 sehr konkret auf den Transformationsprozess eingehen. Die erste Veranstaltung dazu war Mitte Februar das Forum Automobillogistik gemeinsam mit dem Verband der Automobilindustrie unter dem Titel: „Smart statt reaktiv – auf dem Weg in digitale Dimensionen“. Die digitale Transformation hat Kommunikation und Konsumverhalten bereits nachhaltig verändert. Wie selbstverständlich wird Korrespondenz online bearbeitet, Ware online bestellt und Customer Relation Management global per Cloud praktiziert.

In vielen produzierenden Unternehmen setzt sich der Wandel aber nur langsam durch. Zunächst haben Firmen die zunehmende Komplexität ihrer Produkte über Prozessverbesserungen kompensiert. Das reicht heute nicht mehr. Mit der Digitalisierung und der Datenverfügbarkeit in Echtzeit lassen sich Logistik- und Produktionsprozesse flexibler und effizienter gestalten und damit Wettbewerbsvorteile im Sinne der Kundenorientierung erzielen. Aber kein produzierendes Unternehmen und kein Logistikdienstleister wird allein durch Digitalisierung besser. Schlechte Prozesse zu digitalisieren, führt nur zu schnellen schlechten Prozessen. Die Prozessgestaltung muss in den Mittelpunkt gestellt werden.

Auch hinsichtlich Flexibilität und der von Kunden geforderten Individualität von Produkten gibt es weiteres Optimierungspotenzial: Die Zeiten langfristiger, verbindlicher Planzahlen sind vorbei. Daher muss die Produktion als Dienstleister für Vertrieb, Markt und Kunden flexibler und agiler werden. Unternehmen müssen sowohl die Volumen- als auch die Variantenflexibilität sicherstellen, also Schwankungen in Mengen und Produktmix beherrschen können, ohne ihre schlanken Produktionsprozesse aufzugeben.

Die Lösung liegt im „FLEAN Management“. FLEAN verbindet bewährte Lean-Ansätze mit Maßnahmen zur gezielten Bündelung und Flexibilisierung der Unternehmenskompetenzen. Dazu gehört es auch, gewisse Paradigmen über Bord zu werfen – etwa beim Thema Bestände, die nach Lean-Philosophie strikt vermieden werden sollen. Manchmal kann es durchaus wirtschaftlicher sein, Materialbestände an den richtigen Stellen zu positionieren, um den Materialfluss in Summe reibungsfrei zu gestalten. Das gilt nicht nur innerhalb der Produktion, sondern auch im Hinblick auf die Optimierung von Wertschöpfungsketten.

Durch die Implementierung digitaler Lösungen lassen sich schnell positive Ergebnisse erzielen. Kurzfristige Effekte allein entscheiden jedoch nicht über langfristigen Erfolg. Exzellent werden Unternehmen nur, indem sie sich über einen langen Zeitraum kontinuierlich verbessern und den Veränderungsprozess im gesamten Unternehmen vollziehen. Insofern wirken die digitale Transformation und die kontinuierliche Verbesserung in besonderer Weise und zielführend zusammen.

Alle neuen Wege werden aber nur zum Ziel führen, wenn die Mitarbeiter mit auf die Reise gehen. Das Denken in Prozessen mit Fokus auf die Kunden wird immer wichtiger. Dabei werden sich menschliche und maschinelle Arbeit mehr und mehr ergänzen. Viele Aufgaben kommen damit auch auf die Personalverantwortlichen zu. Die Digitalisierung ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess auf allen unternehmerischen Ebenen, eine Aufgabe, die mit Überzeugung, Kreativität und Investitionsbereitschaft gestaltet werden will.

(Quelle: OEM & Lieferant, Ausgabe 1/2017)