Das Internationale Materialdatensystem, kurz IMDS, hat sich als Standard zur Übermittlung von Materialdaten innerhalb der letzten 20 Jahren etabliert. In dieser Zeit wurde das System intensiv weiterentwickelt – Grund genug, um die bisherigen Bearbeitungsvarianten auf den Prüfstand zu stellen.

OEM&Lieferant sprach mit Stefan Nieser, Geschäftsführer und Partner der tec4U-Solutions, einem der führenden Dienstleister im IMDS

20 Jahre IMDS, was hat sich getan?

Stefan Nieser: Blickt man zurück auf die Geburtsstunde des IMDS, ist bemerkenswert, dass die Automobilindustrie die einmalige Leistung vollbracht hat, eine gesamte Industrie auf einen einheitlichen Deklarationsstatus zu verpflichten. Hierbei handelt es sich nicht nur um die eigentliche Verpflichtung zur Kommunikation, sondern auch die Pflicht zur Volldeklaration, d. h. aller Inhaltsstoffe. Nach den Anlaufjahren, die geprägt waren von einer Blockadehaltung der chemischen Industrie sowie den führenden Zulieferern und einer benutzerunfreundlichen Software, hat sich das IMDS immer mehr zu einem praxistauglichen Kommunikationstool entwickelt. Mit der Erhöhung der Systemakzeptanz wurden die Lieferantenstimmen verhaltener und die Automobilhersteller setzten immer mehr eigene Anforderungen im IMDS um, was zur weiteren Komplexitätssteigerung beitrug. Unterschiedliche Dienstleister wie auch Anbieter von Inhousesystemen traten in den Markt, die die Unternehmen in der Datenverarbeitung unterstützen. Heute ist das IMDS fester Bestandteil des Bemusterungsprozesses mit einer hohen Anwenderfreundlichkeit.

Ist das IMDS also kein Thema mehr?

Stefan Nieser: IMDS ist nach wie vor aktuell. Dabei dreht es sich allerdings mehr um wirtschaftliche Varianten zur Umsetzung. So ist es möglich, zur Bearbeitung des IMDS ein Inhousesystem zu kaufen oder alternativ die Datenbearbeitung über einen Dienstleister durchführen zu lassen. Welche Option gewählt wird, liegt in erster Linie an der Größe des Unternehmens wie auch an der politischen Positionierung zu Outsourcing-Projekten. Wo ein Inhousesystem meist nur bei Konzernstrukturen Kosteneinsparpotentiale bietet, ermöglicht das Outsourcing der Datenverarbeitung in einer Vollkostenbetrachtung auch für kleinere oder mittelständische Unternehmen  Einsparungen.

Was verstehen Sie unter IMDS-Vollkosten?

Stefan Nieser: Lohn- und Lohnnebenkosten sowie Vertretungskosten (Urlaub, Krankheit etc.), Mehrkosten bei Anfragespitzen und sog. „Interaktionskosten“, die entstehen, wenn der Mitarbeiter mit häufigen Rückfragen die Prozesse in Entwicklung und Einkauf stört – vermehrt dann, wenn die Datenverarbeitung im Ausland erfolgt.

Wie können Interaktionskosten durch intelligente Prozessführung reduziert werden?

Stefan Nieser: In vielen Unternehmen sind trotz langjähriger IMDS-Erfahrung die Prozesse oft noch nicht ausreichend präzise definiert. Wir stellen dies sowohl im Rahmen der IMDSKommunikation, wie auch in Prozessberatungen fest. Bezüglich der Interaktionskosten können hier enorme Einsparpotentiale realisiert werden, wobei diese auch maßgeblich durch die Kompetenz des IMDS-Mitarbeiters bestimmt werden.

Wie sieht die wirtschaftlichste Art der IMDS-Bearbeitung aus?

Stefan Nieser: Produkte, Anforderungen und Prozesse sind in allen Unternehmen sehr heterogen. Prinzipiell kann man aber sagen, dass ein gut ausgebildeter IMDS-Bearbeiter mit einem qualifizierten Vertreter in Unternehmen mit längeren Produktlebenszyklen eine gute Lösung ist. Je kürzer der Lebenszyklus, je dynamischer die Produktänderungen und damit umso größer die Produktkomplexität ist, umso interessanter wird die Variante des IMDS-Outsourcing. Auch kleine oder mittelständische Unternehmen können von einem Outsourcing profitieren, da hier über den Dienstleister Anfragespitzen und Vertretungen aufgefangen werden. Die Anschaffung eines Inhousesystems ist in den wenigsten Fällen wirtschaftlich sinnvoll, nicht zuletzt da das IMDS mittlerweile einen sehr hohen Datenbearbeitungsstandard hat und die Softwaresysteme ihren Preis haben.

(Quelle: OEM & Lieferant, Ausgabe 1/2017)